Vergessene Künstlerinnen: Maria Luiko und Elisabeth Springer
Zusammenfassung des gleichnamigen Vortrags von Dr. Susanna Partsch, gehalten am 20.11.2025 im Verein für Fraueninteressen.
Das München des frühen 20. Jahrhunderts galt als Kunstmetropole schlechthin. Als Maria Luiko (geb. Marie Luise Kohn) am 25. Januar 1904 und Elisabeth Springer am 2. März 1904 hier geboren wurden, war die Stadt Kunststadt, Ort der Freigeister und ein wichtiges Zentrum der Frauenbewegung. Hier lebten und arbeiteten die bekanntesten Persönlichkeiten der damaligen Zeit in einem lässigen, inspirierenden Nebeneinander, wie der Schriftsteller Max Halbe betonte.
Geboren, als München leuchtete
Die 1902 publizierte Novelle Gladius dei von Thomas Mann beginnt mit den Worten „München leuchtete“. Thomas Mann ironisierte mit diesen beiden Worten den damaligen Kunstbetrieb, sie wurden aber zu einem Topos, der sich ins Gegenteil verkehrte und bis heute positiv besetzt ist.
München nahm um die Jahrhundertwende in der Frauenbewegung und in der Kunstszene eine exponierte Stellung ein. Um einige Beispiele zu nennen:
- 1882 wurde der Münchner Künstlerinnen-Verein gegründet.
- 1884 ging daraus die Münchner Damenakademie hervor, die Frauen ein professionelles Kunststudium ermöglichte, da sie an der offiziellen Kunstakademie nicht zugelassen waren.
- 1894 gründeten die Frauenrechtlerinnen Anita Augspurg und Sophia Goudstikker die „Gesellschaft zur Förderung der geistigen Interessen der Frau“, die 1899 zum bis heute existierenden „Verein für Fraueninteressen“ umbenannt wurde.
- Gabriele Münter kam 1901 nach München, um an der Damenakademie zu studieren. 1903/04 wurde sie als Mitglied im Verein für Fraueninteressen geführt. .
In dieser Atmosphäre, geprägt von Frauenemanzipation und künstlerischer Aufbruchstimmung (Neue Künstlervereinigung, Blauer Reiter), wuchsen Maria Luiko und Elisabeth Springer auf.
Begegnung und Aufbruch: Studium und die Juryfreien
Nach ihrer Schulzeit an der Luisenschule bzw. der St. Anna Schule entschieden sich beide Frauen für eine Ausbildung zur Kindergärtnerin. Es ist wahrscheinlich, dass sich Luiko und Springer erstmals 1920/22 in den Räumen des Seminars an der St. Anna Schule begegneten.
Anschließend schlugen beide einen künstlerischen Weg ein, der nun auch Frauen die offiziellen Tore öffnete: Nach dem 1919 eingeführten Frauenwahlrecht konnte sich auch die ehrwürdige Akademie der Bildenden Künste der Zulassung von Frauen nicht mehr verschließen.
- Maria Luiko (die sich 1924 diesen Künstlernamen zulegte) wurde im Wintersemester 1923/24 in die Malklasse aufgenommen und studierte bei K. Caspar, A. Schinnerer sowie Bühnenbild bei E. Preetorius.
- Elisabeth Springer besuchte die Malschule der Gewerbeschule an der Westenriederstraße, wo sie Akt bei Georg Schrimpf und Wandmalerei bei Lois Gruber studierte. Parallel absolvierte sie eine Schauspielausbildung und erhielt 1931 ihr Diplom.


Avantgarde in München: Die Juryfreien
Beide Künstlerinnen fanden früh Anschluss bei den Juryfreien, einer 1909 gegründeten progressiven Künstlervereinigung, die es sich zum Ziel setzte, Kunst ohne Auswahlgremium auszustellen. Sie vertraten die Avantgarde Münchens, und gerade in den späten 1920er-Jahren förderten sie viele junge Frauen.
- Maria Luiko wurde nach Beendigung ihres Studiums 1927 Mitglied, stieg 1928 als einzige Frau in den Vorstand auf und war 1929 Jurymitglied.
- Elisabeth Springer wurde 1929 ebenfalls Mitglied
Werke aus dieser Zeit, die uns heute noch bekannt sind (oftmals nur durch Abbildungen in Publikationen wie Das Zweijahrbuch von 1929/30), zeigen Luiko und Springer als Chronistinnen ihrer Zeit:
- Luiko, deren Stil teils expressionistische Züge aufweist, malte das großstädtische Leben (Im Kaffeehaus/Tanzbar).
- Springer, deren Stil eher der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen ist, stellte ebenfalls das zeitgenössische Milieu dar
- Von Springer wurden 1930 und 1931 die Grafiken Schlittschuhlauf und Magd in der Zeitschrift Jugend gezeigt.
Von Luiko sind Grafiken wie Arbeiter mit Holzwagen sowie Masken und Bühnenbilder (u. a. für Franz Werfels Paulus unter den Juden von 1926) überliefert.
Die Zäsur: 1933 und der Jüdische Kulturbund
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endete 1933 jäh die vielversprechende Karriere beider 29-jährigen Künstlerinnen.
- Maria Luiko wurde aus dem Reichsverband der bildenden Künste ausgeschlossen und mit Ausstellungsverbot belegt. Sie annoncierte fortan Dekorations- und Reklamearbeiten.
- Elisabeth Springer wurde ebenfalls aus dem offiziellen Kunstbetrieb verdrängt.
Beide fanden eine letzte Möglichkeit zur künstlerischen Betätigung im Jüdischen Kulturbund, der 1934 in München gegründet wurde und kulturelle Aktivitäten unter strengen Auflagen und Zensur erlaubte.
- Sie waren von Anfang an im Marionettentheater des Kulturbunds aktiv, gemeinsam mit Rudolf Ernst, dessen Frau Charlotte Schönberg-Ernst und Shalom Ben-Chorin.
- Maria Luiko entwarf und fertigte die Marionetten, die sie dann auch führte, und stellte ihr Atelier für Theaterproben zur Verfügung.
- Elisabeth Springer war ebenfalls an der Führung der Marionetten beteiligt und übernahm Stimmen, sie rezitierte Franz Kafka und spielte 1935 die Hauptrolle in Stefan Zweigs Stück Der verwandelte Komödiant.


Berlin und die letzte Anerkennung
1936 und 1937 vertraten Luiko und Springer die Münchner Künstler*innen bei wichtigen Ausstellungen jüdischer Künstler in Berlin. Besonders hervorgehoben wurden ihre Werke in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung von Lotte Pulvermacher:
- Die Skulptur Mutter und Kind von Springer, die vom Jüdischen Museum Berlin angekauft wurde.
- Das Ölbild Mutter und Kind von Luiko, in dem Pulvermacher den ostjüdischen Frauentypus sah.
Kritiker wie Lutz Weltmann verglichen Springers Plastiken mit denen von Aristide Maillol und Ernst Barlach. Ihre Arbeiten zeugten von einer unglaublichen Stärke und geschlossenen plastischen Formen.
Luikos erhaltene späte Linol- und Holzschnitte (Trauernde, Menschengruppe vor der Deportation) visualisieren auf erschreckende Weise die Verzweiflung und Ausweglosigkeit der Verfolgten, die zu lange auf die Ausreise gehofft hatten.
Deportation und Gedenken
Die Ausreise wurde beiden Künstlerinnen und Luikos Familie schließlich verwehrt. Am 20. November 1941 gehörten Maria Luiko (mit Mutter und Schwester) und Elisabeth Springer zu den fast tausend Münchner Jüdinnen und Juden, die nach Kaunas in Litauen deportiert wurden. Sie wurden zwei Tage nach ihrer Ankunft, am 25. November, ermordet.
Die Kunstwelt holt sie langsam aus der Vergessenheit:
- Maria Luiko war Teil jüngerer Ausstellungen („Ab nach München“, „Kunst und Leben“), die vergessenen Künstlerinnen ihren Platz in der Kunstgeschichte zurückgeben wollen.
- In München gibt es ein Erinnerungszeichen für Elisabeth Springer und einen Stolperstein sowie eine gewidmete Straße für Maria Luiko.
- Die Hoffnung besteht, dass verschollene Werke (wie Springers Plastiken, gelistet in der Lost Art Datenbank) wieder auftauchen, wie es 2021 bei einem Blumenstillleben von Maria Luiko geschah.
Die Lebenswege von Maria Luiko und Elisabeth Springer zeigen nicht nur die kreative Blüte Münchens vor 1933, sondern auch, wie schnell die NS-Diktatur junge, talentierte Karrieren brutal beendete. Es bleibt unsere Aufgabe, ihre Werke und ihr Schicksal wachzuhalten.
Lesen Sie mehr über die Geschichte des Vereins für Fraueninteressen und die Frauen der Münchner Bohème.

